Lange war Wohnen vor allem eines - zurückhaltend, vielleicht zu zurückhaltend.
Wer die Milano Design Week 2026 besucht hat, erkennt schnell, dass sich etwas verschoben hat. Farbe ist zurück, aber nicht in einer einheitlichen Form, sondern um unser Wohlbefinden zu steigern. Bewusste Gestaltung, Persönlichkeit und Haltung, die sich zwischen Ausdruck und Disziplin bewegt.
Naturverbundenheit wählt Molteni&C unter dem Titel Responsive Nature entsteht eine Inszenierung, die Natur, Ruhe und Wohlbefinden miteinander verbindet. Innen- und Aussenräume verschmelzen, die Küche wird nach draussen verlegt, Grenzen lösen sich auf. Begleitet wird diese Atmosphäre von leisen Naturgeräuschen, wie plätscherndes Wasser, Vogelstimmen, das Quaken von Fröschen. Die Farbwelt bleibt bewusst zurückhaltend. Es sind Grün, Beige, sanfte Naturtöne, ergänzt durch feine Akzente. (Link: zum Home & Art Artikel)
Bei FENDI Casa zeigt sich eine dritte Haltung. Farbe wird eingesetzt, aber kontrolliert. Verschiedene Grüntöne prägen die Räume, ergänzt durch warme Materialien und einzelne Akzente wie ein gelber Beistelltisch. Das Sofa trägt Farbe, der Tisch bleibt bewusst klassisch und zurückhaltend. Es ist ein Spiel aus Balance zwischen Präsenz und Disziplin, zwischen dem Willen zum Ausdruck und der Eleganz des Weglassens.
Zwischen expressiver Farbigkeit und ruhiger Tonalität zeigt sich 2026 ein vorsichtiger Aufbruch — ein Herantasten an mehr Persönlichkeit.
Dior setzt nicht auf Farbe als Hauptthema, sondern auf Detail und Handwerk. Die Ausstellung Dior Maison x Noé at Milano Design Week 2026 bringt die Welt der Haute Couture in den Raum. Mundgeblasenes Glas aus Murano, kombiniert mit fein gewebtem Bambus aus Japan, jedes Objekt erzählt von Präzision und Tradition. Die Farbwelt bleibt in Beige- und Naturtönen, fast zurückgenommen. Hier geht es nicht um visuelle Wirkung, sondern um Tiefe und Eleganz.
GESCHICHTE ALS RAUMPARTNER
Im Kontrast dazu zeigt H&M Home eine vielschichtige Installation im historischen Palazzo Acarbi. Das Licht fällt durch hohe Fenster und wirft weiche Schatten an die Wände, als würden die Räume selbst sprechen. Jeder Raum erzählt eine eigene Geschichte, auch farblich. Der Dialog zwischen klassischer Architektur und zeitgenössischem Design wirkt dabei überraschend harmonisch. Auffällig ist jedoch etwas anderes, und zwar die bewusste Leere in einzelnen Räumen. Ähnlich wie bei Hermès entsteht Bedeutung nicht nur durch das Objekt, sondern durch den Raum um es herum. Die Frage stellt sich fast automatisch: Können wir Leere wieder zulassen?
Eine ganz andere Form von Ruhe findet sich im Garten der Villa Necchi Campiglio, wo Gaggenau seine Installation inszeniert. Mitten in der Stadt entsteht ein Ort, welcher ruhig, grün, entschleunigt ist. Der Blick auf den historischen Pool, das gedämpfte Stimmengewirr im Hintergrund, die Klarheit der Proportionen. Der Titel: Presence. Die Kunst nur das zu behalten, was wirklich zählt. Zurückhaltend und elegant. (Link zum Home & Art Artikel)
Und schliesslich die Installation von USM Haller im Garten der Fondazione Luigi Rovati führt diesen Gedanken weiter. Renaissance of the Real, entwickelt von Snøhetta gemeinsam mit der Künstlerin Annabellesbubble, lädt in einen textilen Kokon ein. Schuhe ausziehen, langsamer werden, atmen, präsent sein. Es ist weniger eine Ausstellung als eine Erfahrung. Ein Moment des Innehaltens und vielleicht auch ein leiser Hinweis darauf, wie sehr wir uns selbst im Alltag antreiben.
Was uns das wirklich sagt
Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, ob Wohnen farbiger wird, sondern was diese Entwicklung über uns aussagt. Farbe steht für Bewegung, für Veränderung, für das Verlassen von Gewohntem. Nach Jahren eines Minimalismus, der Sicherheit und Kontrolle vermittelte, scheint sich etwas zu verschieben. Räume werden wieder persönlicher, individueller, weniger normiert.
Dieser Wandel geschieht nicht radikal, eher zwischen expressiver Farbigkeit und ruhiger Tonalität, es zeigt sich als ein vorsichtiger Aufbruch. Ein Herantasten an mehr Persönlichkeit und an mehr Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Wohnen war schon immer ein Spiegel der Seele. Die Frage ist nur, wie viel davon wir heute wirklich zeigen wollen.
Fotos: 1. Hermès Pressestelle, 2. Molteni&C Pressestelle, 3,4,6,7, 8 Home & Art, 5. Dior Pressestelle und Home & Art








