Eine Food-Reise in die Hauptstadt Litauens
Nach Lissabon, Athen und Kopenhagen hat die internationale
Food-Szene einen neuen Geheimtipp entdeckt: Vilnius. Die litauische Hauptstadt
verbindet barocke Eleganz, kreative Energie und eine überraschend moderne
Kulinarik zu einem der spannendsten City-Trips Europas. Zwischen
kopfsteingepflasterten Gassen, versteckten Innenhöfen und charmanten Cafés
entsteht gerade eine neue gastronomische Identität, die weit über das Baltikum
hinaus Aufmerksamkeit erregt.
Vilnius begeistert nicht nur mit seiner schönen Altstadt (übrigens - die grösste Altstadt in Osteuropa), die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, sondern auch mit einer jungen,
innovativen Restaurantszene und einem entspannten Lebensgefühl. Besonders
bemerkenswert ist das hervorragende Preis-Leistungs-Verhältnis. Von Specialty
Coffee über moderne Bistros bis hin zu Fine Dining auf internationalem Niveau
ist hier vieles noch überraschend erschwinglich.
Von Zürich aus ist man mit Air Baltic in knapp zwei Stunden dort. Ein langes Wochenende reicht für einen ersten, tiefen Eindruck. Ich empfehle drei bis vier Tage zum Beispiel im Boutique & Design Hotel Pacai in Vilnius, welches direkt in der Altstadt liegt und durch seine Architektur und Geschichte überzeugt. (@homeandart - Instagram: Pacai)
Das Herz der Stadt: die Altstadt
Der Gediminas-Turm thront über der Stadt und gibt einem vom ersten Moment an Orientierung. Die Kathedrale am gleichnamigen Platz ist das historische Zentrum, von dem aus sich alles entfaltet. Wer von dort aus einfach losläuft, braucht keinen Plan – die Altstadt führt einen und früher oder später landet man dann in Užupis.
Užupis ist ein Stadtviertel, das sich 1997 selbst zur Republik erklärt hat. Kein Scherz, es gibt eine eigene Verfassung, eine eigene Hymne und einen eigenen Botschafter. Heute ist das Viertel das kreative Herz der Stadt. Es gibt Ateliers, Galerien, kleine Bars, Kopfsteinpflaster und an jeder zweiten Ecke irgendjemand, der gerade ein Kunstprojekt aufbaut. Es ist die Art von Quartier, in das man eigentlich nur kurz hineinschaut und dann zwei Stunden bleibt.
Die Küche, die gerade alle reden lässt
In den vergangenen Jahren hat sich im Baltikum eine neue Generation von Köch*innen etabliert oft international ausgebildet, kreativ, experimentierfreudig und gleichzeitig tief mit regionalen Traditionen verbunden. Sie arbeiten mit lokalen Produkten, saisonalen Zutaten und alten Techniken wie Fermentierung, Räuchern oder Kochen über offenem Feuer. Daraus entsteht eine zeitgemässe „New Baltic Cuisine“, die osteuropäischen Einflüsse, baltische Traditionen und Spuren der jüdischen Küche modern interpretiert. Vilnius ist heute vielleicht einer der spannendsten Orte Europas, um genau diese neue kulinarische Bewegung zu entdecken.
Die erst zweite Ausgabe des Michelin Guide Lithuania, erschienen 2025, zeichnet 37 Restaurants aus und lobt ausdrücklich die Verbindung von kulinarischer Tradition und Nachhaltigkeit. Gwendal Poullennec, Internationaler Direktor der Michelin Guides, hebt hervor, wie konsequent litauische Restaurants ihre Herkunft mit zukunftsorientiertem Denken verbinden. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist schlicht aussergewöhnlich. Was man hier für ein Tasting-Menü auf Weltklasse-Niveau bezahlt, würde in Zürich oder Wien kaum für einen einfachen Abend reichen.
Restaurant Amandus – Deep Dining
Užupio g. 22. Eine unscheinbare Adresse in der Bohème-Republik Užupis. Abends um 19 Uhr geht die Tür auf. Amandus ist das Restaurant von Deivydas Praspaliauskas, dem wohl bekanntesten Koch Litauens. Mehrfach als bester Küchenchef des Landes ausgezeichnet, Michelin-Stern, aber keine Spur von Arroganz. Wer ihn erlebt, versteht, warum sein Restaurant mehr ist als eine gute Adresse. Es ist ein Statement darüber, was Essen sein kann, wenn man es ernst nimmt.
Das Menü ist eine Überraschung. Es gibt nämlich keine Karte, die man studieren könnte. Man wählt nicht. Man vertraut und das zahlt sich aus. Die Gänge folgen der Saison, der Landschaft, dem Augenblick. Warmgebackenes Roggenbrot mit Paprikabutter schlicht und perfekt. Was danach folgt, ist baltisches Terroir in seiner eleganteren Form. Praspaliauskas bringt die Teller selbst an den Tisch. Er fragt, was man schmeckt. Er erzählt, woher etwas kommt.
Der Raum ist dunkel, warm, mit Kerzenlicht und Naturstein. Elegant ohne Steifheit. Eine Atmosphäre, in der man vergisst, wie spät es ist. Deep Dining – The Art of Savouring Experience nennt das Restaurant seine Philosophie selbst. Selten hat ein Eigenanspruch so präzise gestimmt. (@homeandart - Instagram: Amandus)
Café de Pacai – Pariser Pâtisserie mit baltischer Seele
Wer morgens oder am Nachmittag etwas sucht, das über Kaffee und Gipfeli hinausgeht, sollte ins Café de Pacai gehen. Es liegt im Boutique & Design-Hotel Pacai, einem der schönsten Häuser der Altstadt, und ist trotzdem kein typisches Hotelcafé, sondern eine Destination für sich.
Der Stil ist französisch in der Struktur: Mousses, Ganaches, laminierte Teige, klassische Patisserietechnik auf hohem Niveau. Aber die Aromatik ist baltisch – saisonale Früchte, Nüsse, lokale Gewürze, immer wieder litauische Akzente, die man nicht erwartet und dann nicht vergisst. Die Räume sind hoch, das Licht ist gut, die Atmosphäre irgendwo zwischen Salon und Nachbarschaftscafé. Man sitzt dort zum Arbeiten, zum Träumen, zum zweiten Kaffee, den man eigentlich gar nicht mehr brauchte. (@homeandart - Instagram: Vilnius-Café)
Yugen Tea – Japan mitten in Užupis
Wer Tee liebt, dem sei Yugen Tea wärmstens empfohlen. Die Besitzerin Giedrė entdeckte ihre Leidenschaft für japanischen Tee in Australien, vertiefte sie auf Reisen nach Japan und brachte nicht nur Erfahrung, sondern direkte Verbindungen zu Teebauern mit nach Vilnius.
Der Shop ist puristisch, ruhig, fast meditativ eingerichtet. Es gibt feinste Teekreationen, subtile Süssigkeiten und wunderschönes Zubehör zum Kaufen und Mitnehmen. Man kann dort einfach sitzen, einen perfekten Gyokuro trinken und dabei für eine Stunde vergessen, dass man auf Reisen ist.
Restaurant Kristoforas – Mittagessen im Rathaus
Wer mittags etwas Besonderes sucht, sollte Restoranas Kristoforas kennen. Das Restaurant-Bar liegt im Rathaus der Stadt – einem der markantesten Gebäude am Rathausplatz, mitten im Herzen der Altstadt und versteht sich als kulinarische Erzählung von Vilnius selbst.
Das Interieur ist einzigartig, der Service exzellent, die Karte bewegt sich zwischen Snacks und aussergewöhnlichen Hauptgerichten, eine Mischung aus französischen und italienischen Gerichten. Ein Ort, der zeigt, dass Vilnius auch beim Mittagessen keinen Kompromiss eingeht. Der Schokoladen-Kuchen ist himmlisch.
Huracán Coffee – für den Morgenbeginn
Wer morgens einen wirklich guten Kaffee braucht, findet ihn bei Huracán Coffee. Die Rösterei wurde 2025 mit dem Titel World's Best Coffee Roaster bei den Global Coffee Awards ausgezeichnet. Die Bohnen sind frisch, das Handwerk ist solide, der Espresso ist der Beweis, dass Vilnius auch in dieser Disziplin überzeugt.
Ausflug nach Kaunas
Wer ein paar Tage in Vilnius verbringt, sollte unbedingt einen Abstecher nach Kaunas einplanen. Litauens zweitgrösste Stadt liegt nur rund eine Stunde entfernt und wirkt doch wie eine ganz andere Welt. Kaunas ist modern und kreativ. Breite Boulevards, ikonische Architektur der Zwischenkriegszeit und eine lebendige Kunstszene verleihen der Stadt eine besondere Atmosphäre.
Vor allem Design, Street Art und zeitgenössische Kultur prägen heute das Bild von Kaunas. Überall in der Stadt finden sich grossflächige Murals, kleine Galerien, Concept Stores und kreative Cafés, die der ehemaligen Industriestadt einen spannenden und nordischen-coolen Charakter geben. Nicht umsonst war Kaunas 2022 Europäische Kulturhauptstadt.
Mittags: Restaurant DIA - Kaunas
DIA ist das lateinische Wort für «Tag» und genau dieses Gefühl von Frische, Leichtigkeit und bewusstem Genuss prägt das gesamte Restaurantkonzept. Jeden Morgen beginnt hier alles von Neuem. Das Brot wird frisch gebacken, Gemüse sorgfältig ausgewählt und saisonale Zutaten kreativ verarbeitet.
Die Küche ist kreativ, präzise, elegant und mit einer Selbstverständlichkeit umgesetzt, die beeindruckt. Besonders die Desserts bleiben in Erinnerung. Sie sind kunstvoll angerichtet, überraschend in den Aromen und gleichzeitig unglaublich fein ausbalanciert. Die Nachspeise war nicht nur optisch ein Highlight, sondern auch der perfekte Abschluss eines aussergewöhnlich guten Essens.
Abends: Restaurant Sija - Kaunas
Den Abend verbringen wir im Sija. Es ist eine der mutigsten Küchen, die mir auf dieser Reise begegnet. Kein sicheres Spiel, keine erwartbaren Kombinationen. Sija denkt anders, kombiniert anders, überrascht an jeder zweiten Ecke. Die Kreativität ist keine Pose, sie steckt im Teller selbst, und zwar in der Auswahl der Zutaten, in der Art, wie Texturen und Aromen zusammenfinden, in der Bereitschaft, etwas zu riskieren. Kaunas hat mit Sija ein Restaurant, das man nicht erklärt bekommt, sondern erleben muss.
Kulinarisches Erbe
Brot — duona
Brot ist das heiligste Grundnahrungsmittel in Litauen. Dunkles, dichtes Roggenschwarzbrot ist tief in der nationalen Identität verankert — ihm wird traditionell eine fast magische Kraft und ein hoher symbolischer Wert zugeschrieben. Die Litauer essen durchschnittlich fast 110 kg Brot pro Person und Jahr. Doch dieses Erbe ist längst nicht nur Nostalgie.
... und bevor du die Koffer packst, habe ich noch eine Buchempfehlung.
Zum Schluss
Ein Kochbuch als Vorbereitung
Wer vor der Reise tiefer in die Küche eintauchen möchte, dem sei das Kochbuch von Denise Snieguolė Wachter empfohlen. Die Food-Journalistin und halbe Litauerin hat ein wunderschönes Buch über die Küche Litauens gemacht. Es ist eine persönliche Reise in die Kultur und in das moderne Vilnius.
Die ideale Lektüre für die Reise hin oder für die Sehnsucht danach.
Photography: Nicole Böhme for Home & Art Magazine & Simas Bernotas Vilnius *Pressereise








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