Wir gründen ein Unternehmen. Wir wagen einen neuen Weg. Wir posten den ersten grossen Erfolg. Und manchmal stellen wir dabei fest, dass wir diesen Weg anders gehen als erwartet, vielleicht sichtbarer, erfolgreicher, aber in manchen Momenten auch erstaunlich allein.
Denn dann geschieht etwas, worüber selten offen gesprochen wird. Menschen, die wir kaum kennen, gratulieren, kommentieren, feiern mit uns. Während ausgerechnet einige unserer engsten Freundinnen und Freunde auffällig still bleiben. Zufall? Neid? Oder ein Symptom unserer Zeit?
Ein Muster, das auffällt
Natürlich wäre es vermessen, Freundschaften an Instagram-Likes zu messen. Nicht jeder ist gleich aktiv auf Social Media, und ein Algorithmus entscheidet ohnehin mit, was überhaupt sichtbar wird. Interessant wird es erst, wenn sich ein Muster zeigt, wenn dieselben Freunde bei anderen Beiträgen durchaus kommentieren, teilen, liken, aber beim beruflichen Erfolg einer Person aus dem eigenen engsten Umfeld aber konsequent schweigen. Dann geht es vermutlich nicht mehr um Instagram. Dann geht es um etwas, das lange vor Social Media existierte, nämlich den sozialen Vergleich.
Der Vergleich, der uns am nächsten trifft
Sozialpsychologisch ist der Mechanismus gut beschrieben. Wir orientieren uns an anderen, um die eigene Position einzuordnen, besonders am sogenannten upward social comparison, dem Vergleich mit jemandem, der uns in einem bestimmten Bereich überlegen erscheint. Bei einer international bekannten Unternehmerin oder einem Prominenten am anderen Ende der Welt bleibt dieser Vergleich abstrakt und komfortabel distanziert. Ihr Erfolg bedroht die eigene Position kaum.
Bei einer Freundin, einem ehemaligen Kollegen sieht das anders aus. Plötzlich sind Alter, Ausbildung und Ausgangslage vergleichbar. Aus einem fernen Erfolg wird ein persönlicher Bezugspunkt und aus einer Freude möglicherweise eine unbequeme Frage: Sie hat es geschafft. Wo stehe eigentlich ich?
Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zeigt dazu ein differenziertes Bild. Soziale Vergleiche und Neidgefühle auf Social Media sind verbreitet, ihre Wirkung ist aber keineswegs bei allen Menschen gleich, derselbe Erfolg eines anderen kann ebenso gut inspirieren wie belasten. Eine aktuelle Meta-Analyse bestätigt den grundsätzlichen Zusammenhang zwischen häufigen Aufwärtsvergleichen auf Social Media und psychischer Belastung, mahnt aber ausdrücklich zur Vorsicht bei einfachen kausalen Schlüssen, die individuellen Unterschiede sind zu gross.
Das bedeutet: Schweigen ist nicht automatisch Missgunst. Es kann schlicht bedeuten, dass der Erfolg eines nahestehenden Menschen Fragen auslöst, die weniger mit ihm und sehr viel mit dem eigenen Leben zu tun haben.
Und warum applaudieren Fremde so viel leichter?
Wer uns nicht persönlich kennt, muss die eigene Lebensgeschichte nicht mit unserer abgleichen. Er sieht eine gute Idee, ein schönes Produkt, Mut ohne dass sich dadurch sein eigenes Selbstbild verschiebt. Er kann applaudieren, ohne etwas zu verlieren.
Eine allgemeingültige Regel lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Es gibt keine solide wissenschaftliche Grundlage für die Behauptung, Fremde würden Erfolg grundsätzlich stärker feiern als Freunde. Gut dokumentiert ist dagegen, wie wichtig persönliche Netzwerke gerade für Gründerinnen und Gründer sind Familie und Freunde gehören besonders in der frühen Phase eines Unternehmens zu den wichtigsten Ressourcen, emotional wie praktisch. Gerade deshalb fällt ihr Fehlen auf.
Ist das ein Schweizer / europäisches Phänomen?
Diese Frage liegt nahe, wenn man in der Schweiz lebt. Länder, in denen Zurückhaltung, Understatement und eine gewisse Skepsis gegenüber offener Selbstdarstellung kulturell verwurzelt sind. Der Wunsch, «nicht aufzufallen», ist hier gesellschaftlich tiefer verankert als etwa in den USA, wo lautes Selbstmarketing eher als Stärke gilt.
Ehrlicherweise muss man aber sagen. Belastbare, direkt vergleichende Forschung, die dieses konkrete Schweige-Phänomen zwischen Ländern oder Kulturen misst, gibt es, zumindest nach aktuellem Kenntnisstand, nicht. Was es gibt, sind verwandte, gut untersuchte kulturelle Muster zum Beispiel das skandinavische Jantelagen, das gesellschaftliche Bescheidenheit fast zur Pflicht macht, oder das aus Australien und Neuseeland bekannte Tall Poppy Syndrome, wonach Menschen, die «zu weit herausragen», sozial eher gestutzt als gefeiert werden.
Plausibler ist deshalb eine andere Lesart. Der soziale Vergleich selbst ist universell menschlich und tritt überall dort besonders stark auf, wo Nähe und Vergleichbarkeit zusammentreffen. Die Art, wie eine Gesellschaft mit Erfolg, Neid und Sichtbarkeit umgeht, verstärkt oder dämpft diesen Mechanismus lediglich. Ein globales, zeitloses Phänomen also mit einer möglicherweise sehr mitteleuropäischen Note.
Wer nimmt wen mit nach oben, beziehungsweise mit ins Boot?
Liegt es an dem Konkurrenzdenken unter Frauen? Eine naheliegende Erklärung, die man oft hört. Frauen würden andere Frauen seltener mitnehmen, weil sie sich als Konkurrentinnen sehen. In der Forschung firmiert das unter dem Begriff Queen-Bee-Phänomen, die Idee, dass Frauen in Führungspositionen sich gerade von anderen Frauen abgrenzen, um die eigene Sonderstellung zu sichern.
Das Konzept existiert, ist in der Wissenschaft aber umstritten. Neuere Untersuchungen relativieren es deutlich. Wo ein solches Verhalten beobachtet wird, lässt es sich häufig weniger mit individueller Konkurrenz als mit dem Arbeitsumfeld erklären, und zwar etwa dort, wo Frauen in einer stark männlich geprägten Kultur ohnehin wenig Rückhalt erfahren und sich permanent legitimieren müssen. Unter diesem Druck kann Distanz zu anderen Frauen fast zu einer Überlebensstrategie werden, nicht zu einem Ausdruck von Rivalität.
Hinzu kommt der bereits erwähnte Mechanismus. Wer ständig beweisen muss, die eigene Position verdient zu haben, entscheidet sich womöglich bewusst gegen sichtbare Förderung aus dem eigenen Netzwerk aus Sorge, als Vetternwirtschaft gelesen zu werden. Das kann wie Zurückhaltung wirken, hat aber mit Konkurrenzdenken wenig zu tun.
Seriös lässt sich also nicht sagen, Frauen würden grundsätzlich aus Rivalität weniger fördern. Plausibler ist ein Zusammenspiel aus strukturellen Faktoren und weniger Zugang zu etablierten Netzwerken, höherer Rechtfertigungsdruck, kulturell unterschiedliche Lesart desselben Verhaltens bei Männern und Frauen. Die einfache Erzählung vom "Frauen gönnen sich nichts" greift damit zu kurz, so bequem sie auch klingen mag.
Was bleibt
Vielleicht ist die eigentliche Erkenntnis nicht, wer applaudiert und wer schweigt, sondern was das Schweigen über den sozialen Vergleich verrät, den wir alle kennen, aber selten aussprechen. Und vielleicht ist die interessantere Frage nicht, warum manche Freunde nicht kommentieren, sondern wem reichen wir selbst bereitwillig eine Tür weiter, durch die wir schon gegangen sind?
Quellenhinweis: Der Artikel bezieht sich auf sozialpsychologische Forschung zu Social Comparison Theory, eine systematische Übersichtsarbeit (2022) sowie eine aktuelle Meta-Analyse zu sozialen Vergleichen und psychischer Belastung auf Social Media, ergänzt um Erkenntnisse aus der Entrepreneurship- und Netzwerkforschung.
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