Es gibt Kollektionen, die über Farbe sprechen, andere über Silhouetten. Bei Dior beginnt der Sommer 2027 mit etwas, das man eigentlich nicht greifen kann, nämlich Luft.
Jonathan Anderson macht sie zum Ausgangspunkt seiner neuen Womenswear-Kollektion. Stoffe scheinen nicht nur den Körper zu umhüllen, sondern Raum für Bewegung zu lassen. Spitze, Seidenmousseline und Organza wechseln zwischen Transparenz und Opazität, Volumen entstehen und verschwinden wieder. Das Ergebnis wirkt leicht, ohne an Präzision zu verlieren.
Wenn Tailoring seine Strenge verliert
Besonders schön zeigt sich diese Idee im Umgang mit dem klassischen tailleur. Statt klarer Strenge interpretiert Anderson Tailoring als flou – weich, fliessend und in Bewegung.
Es ist eine interessante Verschiebung innerhalb der Dior-Codes. Die frühen Silhouetten des Hauses bleiben als Erinnerung präsent, werden jedoch nicht einfach zitiert. Proportionen verändern sich, Konturen werden leichter, Jacken treffen auf transparente Stoffe und verkürzte Silhouetten.
Elemente aus der Autumn Winter 2026–2027 Collection tauchen erneut auf - florale Formen, irisierende Oberflächen und Volumen, die an Blüten erinnern. Für den Sommer wirken sie jedoch weniger konstruiert. Als hätte ein warmer Wind die Formen gelockert.
Die Schönheit des Unperfekten
Ein weiteres Leitmotiv ist die Asymmetrie. Lange Schals fallen über nur eine Schulter, Ohrringe mit Edelsteinen ziehen unterschiedlich lange Linien entlang des Körpers, Säume und Drapierungen entziehen sich bewusst einer vollkommenen Symmetrie. Die Inspiration dafür kommt aus der Natur. Denn was auf den ersten Blick symmetrisch erscheint, ist bei genauerem Hinsehen selten vollkommen gleich.
Anderson übersetzt diesen Gedanken in eine Garderobe, die weniger kontrolliert wirkt als viele klassische Vorstellungen von Dior und gerade dadurch modern erscheint. Die Kleidung soll nicht nur im Stillstand funktionieren. Entscheidend ist, was passiert, wenn eine Frau sich darin bewegt.
Ein Dialog zwischen Damen- und Herrenmode
Auch die Summer 2027 Men’s Collection hinterlässt Spuren. Transparente Anzüge, metallisch schimmernde Five-Pocket-Hosen und ein schwarzes, gesticktes Trompe-l’œil-Schalmotiv führen Elemente der Menswear weiter. Die Grenzen zwischen den Kollektionen werden dabei bewusst durchlässiger.
Das Florale setzt sich bis zu den Accessoires fort. Fotografien von Blumen erscheinen auf den blockartigen, eckigen Absätzen der Schuhe. Die neue Version der Dior Bow Sandal spielt mit der charakteristischen Schleife, während der Dior Cigale Schuh mit einer Sohle in Blütenform überrascht.
Eine Walnuss als Einladung
Zu den ungewöhnlichsten Objekten der Kollektion gehört eine silberfarbene Minaudière in Form einer wénwán-Walnuss. Die Referenz führt nach China, wo das Rollen solcher Walnusspaare in der Hand eine lange kulturelle Tradition besitzt. Durch die wiederholte Berührung verändert sich mit der Zeit ihre Oberfläche und entwickelt eine eigene Patina.
Ein Paar dieser Walnüsse erhielten die Gäste bereits mit der Einladung zur Show. Das kleine Objekt bekommt damit beinahe symbolischen Charakter. Natur liefert die Form, die menschliche Hand verändert sie und Zeit verleiht ihr Individualität. Ein Gedanke, der sich auch auf das Handwerk der Dior-Ateliers übertragen lässt.






